Rückblick nach vorn

Vom Unterschied zwischen Weiterleben und weiter leben.

Das alte Leben in Frankfurt mit Familie, Firma und Freunden gibt es für Silke nicht mehr. Nach ihrer Leukämie-Diagnose hat sie sich dafür entschieden, auf Bali gegen den Krebs zu kämpfen, ihn zu besiegen und weiter zu leben. Dafür musste sie aber das normale Weiterleben auch aufgeben. Das klingt von außen betrachtet logisch. Doch wie weh das tut ist etwas ganz Anderes. Nach 17 Versuchen das zu erklären, könnt ihr Silke heute dazu hören.

 

Was Silke sagt:

Guten Morgen aus Bali. Schön, dass ihr da seid. Und schön, dass ihr bleibt.

Wow – Anlauf Nr. 17 für diesen Beitrag, der mir doch sehr schwerfällt. Ich habe mich diese Woche entschlossen, euch etwas von mir ganz, ganz tief aus dem Inneren zu erzählen – es hat etwas mit dem Thema Authentizität zu tun, was ich sehr, sehr wichtig finde. Auch zu dem Blog und dem Thema, um das es hier geht.

Es geht um die Tage, an denen mein Leben auf dem paradiesischen Bali nicht einfach ist. Weil ich konfrontiert bin mit der Tatsache, dass mein altes Leben in Frankfurt – im Kreise meiner wundervollen Familie, meinen supertollen Freunden, nicht nur supertoll… genial… ich  weiß gar nicht, wie ich meine Freunde nennen soll… ich bin einfach dankbar, dass ich sie habe, meinem Unternehmen, all das, was ich dort hatte und auch noch habe – dass dieses Leben so nicht mehr stattfinden kann. Klicke auf den kleinen Pfeil, um weiterzulesen      

Ich bin sehr viel krank gewesen, eigentlich permanent, war dauerhaft nur müde, musste jeden Mittag um zwei ins Bett, weil ich einfach 2-3 Stunden schlafen musste, hatte ständig einen grippalen Infekt. Ich hatte einfach keine Kraft, konnte kaum abends weggehen und war immer froh, wenn ich abends wieder um zehn im Bett lag. So war mein Leben die letzten anderthalb bis zwei Jahre in Frankfurt. Auf Bali hab ich das alles nicht. Das ist gar nicht da. Ich war hier noch nie krank, hab nur einmal Zahnweh gehabt, okay. Alles, was ich hier habe, das habe ich euch auch schon vorgestellt: Früchte, Heiler, Sonne, Indischer Ozean, Yoga – alles traumhaft. Aber was ich hier nicht habe, ist meine Familie, mein altes Leben, meine Freunde – immer nur temporär. Und es gibt einfach Tage – das sind die Tage, wenn ich zum Flughafen fahre und vor allem meine Kinder wieder zurückbringe – da wird mir die Wucht und die Macht von dieser Krankheit so bewusst. Denn alle fliegen zurück in ihr Leben und ich bleibe – in dem Leben, in dem ich langsam aber sicher Fuß fasse. Ein komplett neues Leben. Das mit meinem alten nichts mehr zu tun hat – außer, dass ich hier auch als Medium meine Klienten habe und dass ich immer noch denselben Namen trage. Aber sonst hat mein Leben heute nichts mehr mit dem Leben zu tun, was ich noch Anfang März dieses Jahres geführt habe. Es hat aber auch gar keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen. Das Wichtigste ist für mich immer, diese schönen Momente aus dem alten Leben zu nehmen und zu bewahren und mit dieser Kraft in diesem Leben, in dem ich hier heute bin, weiter zu leben. Das mir wirklich der liebe Gott wunderbar beschert hat, denn es ist natürlich paradiesisch, hier zu leben.

Und ich muss lernen, loszulassen – mir Gedanken zu machen, ‘Was machen meine Kinder?’, ‘Wie geht es Ihnen?’, ‘Hoffentlich ist alles in Ordnung”, ‘Hoffentlich klappt alles in der Firma.’ …

Klar arbeite ich jeden Tag, checke alles von hier aus, soweit es mir möglich ist. Aber ich habe auch wunderbare Geschäftspartner, die mich mittragen. Das ist für mich ein Segen. Zu meinen Freunden, die ich natürlich kaum noch sehe, versuche ich, den Kontakt zu halten und sie besuchen mich hier auch. Aber wenn man so weit entfernt von all dem ist, ist es klar, dass man diesen Weg sehr, sehr, sehr alleine geht. Auch wenn ich viel Besuch habe und selten ganz alleine hier bin – bin ich doch sehr alleine. Und zu akzeptieren, dass das alte Leben so nicht mehr stattfinden wird und dass ich innerhalb von Tagen ein neues Leben bekommen habe – mit demselben Namen. Das wird schon hin und wieder – eben genau an den Flughafentagen und zwar genau dann, wenn der Koffer hier eingeladen wird und es für meinen Besuch heißt: Rückflug – sehr, sehr deutlich. Es ist mir wichtig, euch auch ein Stück weit mal zu zeigen, wie auch die andere Seite für mich ist, auch wenn das alles einen wunderbaren Zauber mit sich bringt.

Aber dieser Zauber macht sich an meiner Gesundheit bemerkbar – und das ist das Wesentlichste. Ich bin wirklich äußerst fit und bin darüber unfassbar dankbar. Wenn man fast zwei Jahre dauerhaft krank war, ständig im Bett lag und auf einmal so fit ist, dass man mit dem Fahrrad über halb Bali fährt, morgens um halb sechs aufsteht zum Meditieren und abends um zehn ins Bett geht, ohne das Bedürfnis zu haben, sich zwischendrin noch einmal hinzulegen – und auch keinerlei grippale Infekte oder sonstiges mehr hat – dann bin ich schon sehr, sehr, sehr dankbar.

Das war heute für mich ein ganz, ganz ehrlicher, innerster Beitrag und es war mir wichtig, euch davon zu berichten. Für nächste Woche habe ich jemanden, den ich euch vorstellen möchte und der auch ganz, ganz wesentlich für meine Heilung ist. Ich sage nur: Lotta.

Bis dahin wünsche ich euch noch eine wundervolle Woche, ganz, ganz, ganz lieben Dank für die Nachrichten und auch für die Ideen, Präparate aus Gärten und Tee’s, die ich nehmen könnte. Ich finde es immer wundervoll, das alles zu lesen. Vielen, vielen Dank auch für die Fragen – großartig. Auch Glaubensfragen und all das –

Ich beantworte das sehr, sehr gerne. Herzlichen Dank dafür. Schön, dass ihr da seid und schön, dass ihr bleibt. Ich bleibe auch.”  

 

 

 

Warum es das Wort Mitleid gibt.

Hier kommentiert Jörg.

 

In einer Welt der Selbstoptimierung hat Mitleid einen schlechten Ruf bekommen. Mitleid, so sagen viele, das bringt doch niemandem etwas, das sei ein Gefühl, mit dem es dem anderen und einem selbst noch viel schlechter geht. Kurz nachdem Silke ihre Diagnose bekam, habe ich mit Silke gesprochen und wir haben diskutiert, was jetzt das Schlimmste für sie ist. Ihre Antwort war, das Schlimmste sei, dass sie ihre Familie damit belasten müsse, dass sie unheilbar krank ist. Soviel Stärke hat mich sehr beeindruckt. Und das Wort Mitleid hat eine ganz andere Bedeutung für mich bekommen: Im Wortsinne ist es Mitleiden und wirklich Mitleiden kann nur der, der wirklich liebt.

Vielleicht beschreibt dieser kleine Exkurs gut, worum es Silke in ihrem Beitrag ging. Der Schmerz, auf so einschneidende Weise von Familie und Freunden getrennt zu sein ist groß, weil er für alle Seiten mitleiden bedeutet. Zugleich geht es in jeder Dimension des leicht dahingesagten „Das Leben muss weiter gehen“ ganz genau darum. Für Silke im Wortsinne. Für alle anderen im besten Sinne mit der Anstrengung, sich mit einer völlig neuen Situation, tausenden Kilometer Entfernung und eigenen Lebensvorstellungen zu arrangieren.

Ist das immer schwermütig? Nein, ganz und gar nicht. Mitleiden bedeutet ganz oft auch einfach Verständnis, Zuhören, Fluchen, Lachen und Liebe zeigen. Das ist mit Silke so leicht, dass man nicht selten vergisst, wie krank sie aus medizinischer Sicht ist. Und das ist schön.

Für Euch da draußen soll das die richtige Motivation sein, Mitleid anders zu leben. Genauso, wie ihr es tut: In dem ihr hier seid, Silkes Weg verfolgt, Fragen und Ideen habt – indem ihr bleibt!