Allgemein

Lasst uns sehen, was ist – und fühlen, was ist

Lasst uns die Welt sehen wie sie ist, aber fühlt sie wie sie für euch persönlich ist.

Eine Chance, dessen Größe allerhöchstens Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs oder regionalen Auseinandersetzungen, wie beispielsweise der Vietnam-Krieg oder die Nah-Ost-Konflikte nachempfinden können, bietet sich dieser Welt und somit uns als Gesellschaft. Jedes Individuum ist unterschiedlich betroffen. Der eine bangt um die geliebten Eltern, der andere um den Sohn, der schweres Asthma hat, wiederum andere haben Angst um sich selbst. Manche sind entsetzt von der Gesellschaft, welche sich mit Corona Partys oder mit Hamsterkäufen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber da gibt es auch die Anderen, die sehen wie die junge Generation aus Solidarität zuhause bleibt, Essen teilt, Zettel vor die Türen der Nachbarn legen und ihre Hilfe anbietet. Die Menschen, die sehen wie unsere Mutter Erde ganz langsam zu atmen beginnt, die wahrnehmen, dass chinesische Kinder zum ersten Mal in deren Leben Vögel und einen klaren Himmel sehen, Fische, die die Chance bekommen, ihre Spezies wieder zu vergrößern. Menschen, die sich beim Joggen im Park zulächeln, die beginnen Sonnenstrahlen wertzuschätzen oder einfach wieder zum ersten Mal seit langer Zeit dankbar sind für ein gutes Buch in der Natur oder zuhause. Diese ganz individuellen Schicksale könnten bis ins Unermessliche aufgezählt werden.

Worum es mir ganz persönlich geht ist, dass wir uns alle in dieser Situation befinden. Wir alle stehen vor der gleichen Chance, auch wenn sie jedes Individuum unterschiedlich schneidet. Die äußere Realität bietet viele Gesichter und wie oben in Auszügen angedeutet, lassen sich viele apokalyptische Beispiele finden, aber es gibt mindestens ebenso viele positive Beispiele und Herr der Lage ist keiner wirklich. Aber ist das denn auch immer von Nöten?  Der erste Schritt ist, diese Realitäten zuzulassen und sich nicht vor ihnen zu verschließen. Es ist die Realität, und diese lässt sich auch nicht weiter dramatisieren und deutlich positiver darstellen. Es bleibt die Realität des Außen. Doch da gibt es auch noch die ganz persönliche/subjektive Realität, und diese nehmt Ihr selbst war. Diese Realität fühlt Ihr, sie umgibt Euch jede Sekunde und geht buchstäblich in Eure Taten über. Diese Realität sollte sich von äußeren Faktoren nur dann beeinflussen lassen, wenn Ihr es zulasst. Ihr entscheidet, ob Ihr eine Information so verinnerlicht, dass sie Angst oder Hoffnung entstehen lässt.

Oder wie Nelson Mandela sagte: „May your choices reflect your hopes, not your fears.“

Lasst die Realität zu, aber entscheidet Euch bewusst, wie sich Eure Realität anfühlt und in welche Gedanken und Hoffnungen Ihr investieren möchtet. In diesem Sinne, mögen Eure Entscheidungen Eure Hoffnungen widerspiegeln und nicht Eure Ängste.

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Hier kommentiert Verena:

Mit seinem tiefgründigen Blogbeitrag macht Moritz uns auf die Divergenz zwischen dem Außen und dem Innen aufmerksam. Er teilt seine Gedanken mit uns und regt damit unser Denken an. Mir drängt sich bei der Lektüre seines Textes sogleich ein Impuls, genauer gesagt ein Begriff auf: der griechische Terminus der Ataraxie, der Seelenruhe. Dieser wurde geprägt durch die antike philosophische Schule der Stoiker, deren Geisteshaltung bis heute beeindruckt. Die Stoa war, wie im Übrigen die meisten Menschen des antiken Griechenland, durch und durch fatalistisch geprägt, also überzeugt davon, dass einem jeden Menschen ein besonderes Schicksal zugedacht sei, dem er sich unweigerlich fügen müsse. Aber – und hier kommt der entscheidende Punkt: Er hat sehr wohl eine Wahl, und zwar die Wahl mit welcher Einstellung er sich diesem hingibt. Die für ihre emotionale Selbstbeherrschung und Gelassenheit bekannten Stoiker bemühten hierfür ein, wie ich finde, grandioses Bild: Das Bild eines Hundes, der an einen Wagen gebunden, gezwungen ist, diesem zu folgen. Der Wagen steht für das Schicksal. Es gibt das Tempo und die Richtung vor. Der Hund ist der Mensch. Was erstmal traurig, vielleicht sogar grausam klingt, erfährt durch die stoische Philosophie eine geniale Auflösung: Der Hund kann nämlich entscheiden, ob er sich beharrlich widersetzt, sodass er sich selbst quält, weil ihm der Strick, durch den er gebunden ist, den Hals aufscheuert, oder ob er willig mitläuft und keine Schmerzen leidet. Hierbei degradiert das Bild den Hund, ergo den Mensch keineswegs zu einem unreflektierten Mitläufer, wie man bei oberflächlicher Lesart denken könnte. Vielmehr ist er so weise, dass er die Unabänderlichkeit von schicksalhaften Situationen gelassen zu akzeptieren vermag.

Wenn Moritz von der Realität spricht, der wir uns nicht verschließen dürfen, aber angesichts derer wir immer noch entscheiden dürfen, wie wir sie wahrnehmen und fühlen, dann steckt so Vieles in dieser Unterscheidung: Wir gehen durch eine herausfordernde Zeit, die uns einiges abverlangt. Aber wir allein entscheiden, wie wir durch diese hindurch gelangen. Und ich folge mit Freude Moritz’ Empfehlung und entscheide mich gegen die Angst und für die Hoffnung. Danke, Mo!

Bleibt gesund und bleibt Zuhause!

Das wünscht sich und Euch mit zuversichtlichen Grüßen Verena