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Zeit, um Zeit zu lernen

Guten Morgen aus Bali!

Schön, dass Ihr da seid und, ja, schön, dass Ihr bleibt! Was haben uns jetzt all die Wochen schon gelehrt? Im Jetzt zu sein, im Jetzt zu leben.

So wie Ihr in Deutschland sehr eingeschränkt seid, wie ich das tagtäglich erfahre aus vielen Nachrichten und auch meiner Familie, und wie wir hier auch auf Bali viel eingeschränkter leben als zuvor und auch sehr einsam, da einfach wahnsinnig viele Touristen weg sind, um nicht zu sagen im Grunde fast alle.

Wir haben gelernt, was uns normalerweise nur der Tod lehrt, wenn ein lieber Mensch von uns geht, dass wir ihn nicht wiedersehen werden. Das ist eine Erfahrung, die immer wieder sehr schmerzhaft ist. Das lehrt uns gerade die Zeit. Die Zeit lehrt uns, dass es gestern nicht wieder geben kann. Davor, wenn ich das so nennen darf, davor gab es gestern so brutal nicht wie’s jetzt das gab. Dass wir dachten: Naja gestern können wir schon auch morgen wieder haben. Jetzt wissen wir, dass es gestern nie wieder heute oder morgen geben wird. Im Grunde war das schon immer so. Nur wir haben es nicht gewusst, wir haben es nicht geschätzt. Jetzt wissen wir ja, was wir gestern nicht geschätzt haben, was wir uns im Morgen wünschen. Und das, was wir heute lernen müssen ist. Heute ist der Tag, an dem wir glücklich sein sollten. Mit dem uns beschäftigen, was wichtig ist.

Was ist wichtig? Vielleicht die kleinen Dinge, die im Alltag immer liegen geblieben sind. Das haben wir gelernt die letzten Wochen. Ich bin mir sicher, dass ganz viele mittlerweile ein unfassbar ordentliches Zuhause haben. Schubladen wurden ausgeräumt, Keller ausgeräumt, Schränke ausgeräumt. Dabei Dinge gefunden und gelächelt. Viele Dinge sind passiert, von denen wir uns nie hätten vorstellen können, dass sie passieren. Wir haben gelernt, uns im Jetzt zu beschäftigen. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Jeder Tag bringt auch diese Zweifel mit sich: Was wird morgen sein? Und jedes Mal, wenn wir an morgen denken, wissen wir: Vorsicht! Vorsicht, denn wir wissen nicht, was morgen ist. Das war schon immer so, aber noch nie war es so klar und so pur, wie es jetzt ist. Wir lernen Zeit zu leben. Zeit. Wir lernen, das Jetzt zu schätzen. Uns nicht zu viele Sorgen darüber zu machen, was morgen ist. Weil wir es nicht können. Und das ist wesentlich. Wesentlich ist, dass wir nur planen können. In einer meiner Workshops habe ich mal davon berichtet, dass das Gestern das Kind ist, das verstorben ist. Die Vergangenheit lebt nicht mehr. Heute ist das Kind, das mit mir spielen möchte. Und das Morgen ist das Kind, welches noch im Mutterleib und noch nicht geboren ist. Die Wahrheit ist, dass wir uns mit morgen nicht zu beschäftigen haben, weil es noch gar nicht da ist. Wir dürfen über das Kinderzimmer nachdenken und es auch vielleicht einrichten, aber noch nicht mit dem Inhalt. Das ist uns im Grunde nicht erlaubt. Warum und wofür? Wir haben doch mit Jetzt ganz viel zu tun. Jetzt steht das Kind vor uns. Die Gegenwart ist das Kind, das mit uns spielen will. Das lernen wir gerade so hart, für so viele Menschen. Andererseits gibt es auch viele Menschen, die diese Zeit mittlerweile schätzen, lieben, richtig gut finden. Das ist eine sehr privilegierte und oft auch sehr schöne Wahrnehmung.

Das kann nicht jeder, und nicht jeder ist in dieser Situation – durch viele Umstände: Erkrankung, finanzieller Notstand und, und, und. Trotzdem, jeder, egal ob privilegiert oder in großer Sorge, lernt gerade Zeit. Zeit. Sei im Jetzt, bleib im Jetzt. Bedanke Dich für gestern und freue Dich auf morgen. In diesem Sinne – das geht uns gerade hier auch so: Ich wünsche Euch von ganzem Herzen alles, alles, alles Liebe. Nach Deutschland und nach Europa vielen Dank für die vielen, vielen Nachrichten, vielen Dank, dass wir alle so miteinander verbunden sind. Ich freu mich so sehr nach Deutschland wieder zu kommen, aber das dauert noch ein ganzes Stückchen Zeit. Und mit der Zeit beschäftigen wir uns nur im Jetzt. In diesem Sinne: alles Liebe!

Schön, dass Ihr da seid und schön, dass Ihr bleibt!

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Hier kommentiert Verena:

Silke spricht in ihrem Blogbeitrag einen Aspekt an, den wir nur allzu gern verdrängen, und der dennoch unser ganzes Leben bestimmt: die Vergänglichkeit. Denn auch wenn diese alles überdauernde Energie, das Bleibende, existiert, so ist das irdische Dasein doch dem steten Wandel unterworfen – im ewigen Werden und Vergehen. Vom Zeitpunkt der Geburt an ist unsere Physis dem Sterben unterworfen, gehen wir zugrunde, um uns zu erneuern und Wachstum zu erleben.

In diesem labilen, ja fragilen Zustand bestreiten wir unsere Existenz und das mühelos, denn dieser ist Grundlage der menschlichen Natur. Fakt ist aber, dass wir die eigene Vergänglichkeit zumeist weit von uns schieben. Wer in dem ständigen Bewusstsein lebte, dass es jede Sekunde vorbei sein kann, würde vermutlich lebensuntüchtig oder handlungsfähig – oder beides. Für eine gewisse Unbeschwertheit ist es wichtig, Ziele zu haben, Pläne zu schmieden. Auch vor dem Hintergrund der Vergänglichkeit. Auch wenn alles nur eine Autosuggestion sein mag. Denn wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, wissen wir nicht, ob und inwieweit wir das Geplante noch in die Tat umzusetzen vermögen.

Wenn der Mensch die Bodenhaftung verliert neigt er zur Hybris, zur Überheblichkeit. Er entgleitet dem Jetzt vollends, hält alles für möglich und machbar. Die Vergänglichkeit hat er aus Augen verloren. Und das ist der Weg in die gnadenlose Selbstüberschätzung. Man schätzt nichts mehr – außer dem Selbst, und das dafür über alle Maßen. Silke schreibt: „Jetzt wissen wir ja, was wir gestern nicht geschätzt haben.“ Vor den gesprochenen Worten und Gedanken ihres Blogbeitrags gereicht die jetzige Situation zu einer Chance für neue Erdung. Wir werden aufgefordert hinzusehen, zu spüren, wie zerbrechlich alles Irdische ist.

Anlässlich Silkes Beitrag kommen wir zwei Weisheiten in den Sinn, die in der Antike über dem Apollontempel in Delphi prangten: „Erkenne dich selbst“ (griech. gnothi s‘auton) und „Nichts im Übermaß“ (griech. medén ágan). Das sind zwei Sentenzen, die uns jetzt durch diese Zeit begleiten können: Die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit, nachdem wir lange im Übermaß gelebt und aus dem vollen geschöpft haben.

Bleibt gesund und noch Zuhause!

Das wünscht sich und Euch von Herzen Verena